Dr. Jeannot Muller

Die Medien warnen seit ein paar Wochen Raucher sollten sofort mit dem Rauchen aufhören, weil es natürlich nahe liegt, dass Vorerkrankungen einen negativen Effekt auf den Verlauf von COVID-19 haben.

Das klingt erst einmal logisch, und grundsätzlich macht es Sinn das Rauchen, mit seiner nachgewiesenen, kanzerogenen Wirkung einzustellen. Wobei es aber auch verständlich sein sollte, dass Schädigungen durch das Rauchen, wenn überhaupt, nicht in wenigen Wochen oder Monaten reversibel sind.

Laut einer Gesundheitsexpertin: Raucher haben höheres Risiko für schweren Corona-Verlauf
Mit dem Coronavirus infizierte Raucher haben nach Überzeugung einer Expertin ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Lungenerkrankung Covid-19.

Bei der genannten "Gesundheitsexpertin" handelt es sich um Dr. Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Wenn schon mir 13 chinesische Studien (und nicht 6) bekannt sind, sollte man davon ausgehen, dass diese auch dem DKFZ bekannt sind.

Smoking, vaping and hospitalization for COVID-19 - Article (Preprint v13) | Qeios
The study purpose was to examine the prevalence of current e-cigarette use and current smoking among hospitalized patients with COVID-19 in China, considering the high population smoking prevalence in the country (26.6%, 50.5% in males and 2.1% in fe...

Die Studie aus den USA bestätigt  die 13 chinesischen Studien: es erhärtet sich sogar der Verdacht, dass Nikotin eine protektive Wirkung haben könnte, eventuell über ein Zusammenspiel mit dem Renin-Angiotensin-Aldosteron System.

In conclusion, the generalized advice to quit smoking as a measure to improve health risk remains valid, but no recommendation can currently be made concerning the effects of smoking on the risk of hospitalization for COVID-19. No studies recording e-cigarette use status among hospitalized COVID-19 patients were identified. Thus, no recommendation can be made for e-cigarette users.

Auf Deutsch: natürlich ist es grundsätzlich ratsam mit dem Rauchen aufzuhören, aber bis jetzt gibt es keine Erkenntnisse, dass das Rauchen den Verlauf von COVID-19 negativ beeinflußt.

Auch die Studie aus dem Landkreis Heinsberg ist für Raucher nicht alarmierend:

Charakteristik von 50 hospitalisierten COVID-19-Patienten mit und ohne ARDS
Im Dezember 2019 kam es in der chinesischen Provinz Hubei zum Ausbruch einer akuten Lungenerkrankung unbekannter Ursache. Am 7. Januar 2020 gelang es chinesischen Wissenschaftlern, ein neues Coronavirus zu isolieren (�severe acute respiratory...

Von 50 Patienten im Uniklinikum Aachen, waren drei Raucher. Von den 50 Patienten entwickelten 24 ein akutes Lungenversagen (ARDS), aber keiner der drei Raucher. Natürlich ist das in dieser Studie eine sehr kleine Fallzahl, aber zusammen mit den chinesischen und amerikanischen Daten kommt man derzeit auf über 10.000 Fälle und somit wird es zunehmend statistisch relevant.

Auch die veröffentlichen Daten der "HÔPITAUX DE PARIS" zur Raucher-Quote sprechen eine klare Sprache:

Der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass wohl kaum einer der zahlreichen kanzerogenen Stoffe beim Verbrennungsprozess von Zigaretten einer protektive Wirkung haben wird. Am wahrscheinlichsten ist eine positive Wirkung durch das Nikotin, die es genauer zu untersuchen gilt (auch im Sinne der Nicht-Raucher).

Was bedeutet das jetzt für einen Raucher? Natürlich macht es Sinn das Rauchen aus gesundheitlichen Gründen einzustellen und zumindest auf eine gesündere Zufuhr des Nikotins umzustellen. Mitnichten kann man aber aus dem jetzigen Zahlenmaterial schlussfolgern, dass Raucher stärker gefährdet sind als Nichtraucher. Es erscheint auch falsch zu sein, dass sich der Verlauf für Raucher negativer oder gar tödlicher gestaltet.

Weil es für Raucher in Stresssituationen noch schwerer ist mit dem Rauchen aufzuhören, ist es meiner Ansicht nach grob fahrlässig diesen Menschen Angst zu machen. Die Politik und zahlreiche Medien müssen aufhören zu warnen, dass der COVID-19-Verlauf für Raucher tödlicher sei. Dafür gibt es derzeit schlicht und ergreifend keine Evidenz.

Im Rahmen der stattfindenen Studien, ob schon zugelassene Medikamente oder erprobte Wirkstoffe eine positive Auswirkung auf COVID-19 haben, muss es auch erlaubt sein zu fordern, dass die Wirkung von Nikotin auf COVID-19, bei der jetzigen Datenlage, weiter erforscht wird.

Erstaunlich, dass es "Studien" gibt, die die aktuelle Datenlage einfach ignorieren und unreflektiert zum sofortigen Rauchstop raten:

https://www.ersnet.org/covid-19-blog/covid-19--propelled-by-smoking--could-destroy-entire-nations

Smoking Upregulates Angiotensin-Converting Enzyme-2 Receptor: A Potential Adhesion Site for Novel Coronavirus SARS-CoV-2 (Covid-19). - PubMed - NCBI
PubMed comprises more than 30 million citations for biomedical literature from MEDLINE, life science journals, and online books. Citations may include links to full-text content from PubMed Central and publisher web sites.

Dann müsste allerdings Indonesien (bei einer männlichen Raucherrate von 60%) eindeutig höhere Todeszahlen haben, als die heutigen (12.4.2020) 373 Toten.

Update 18.4.2020: Video von Prof. Bernd Mayer zu Covid-19, Rauchen und Dampfen:

Update 22.4.2020: Eine weitere Studie über Nikotin im Zusammenhang mit COVID-19:

A nicotinic hypothesis for Covid-19 with preventive and therapeutic implications - Article (Preprint v1) | Qeios
SARS-CoV-2 epidemics raises a considerable issue of public health at the planetary scale. There is a pressing urgency to find treatments based upon currently available scientific knowledge. Therefore, we tentatively propose a hypothesis which hopeful...

Update 22.6.2020: Die Studie vom 22.4.2020 ist aber leider 1:1 ein Plagiat einer früheren Studie, die schon am 4.4.2020 veröffentlicht wurde:

Smoking, vaping and hospitalization for COVID-19 - Article (Preprint v13) | Qeios
The study purpose was to examine the prevalence of current e-cigarette use and current smoking among hospitalized patients with COVID-19 in China, considering the high population smoking prevalence in the country (26.6%, 50.5% in males and 2.1% in fe...

Update: 30.4.2020: Ein weiterer "unaufgeregter" Artikel zum Thema:

Scientists must discover why so few coronavirus patients are smokers
One assumption about COVID-19 that’s been accepted as so obvious it needn’t be supported with data is that smoking heightens the risk of infection, hospitalization, and death.

Und noch eine Publikation, die das Nikotin als mögliches Therapeutikum adressiert:

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214750020302924

Update: 10.5.20: eine weitere Studie zum Thema:

https://link.springer.com/epdf/10.1007/s11739-020-02355-7?sharing_token=9aNfxYYmI9m0a0AEOqO4hve4RwlQNchNByi7wbcMAY6Um969fwMRMGkG7soSlel82g6JjjI30pnhpaXi7InCRG8S9pXibOijaUcVNRdyaIKy0Yh1AHq9ot2KL40oGM5pY2LpPIe2o_JKCQpUGq-GlP3BgJln3oSmdSwNJQotTV4%3D