Dr. Jeannot Muller

Heute hat der Bundestag die "Entscheidungslösung" durchgewinkt und die "Widerspruchsregelung" von Gesundheitsminister Spahn abgelehnt. Das war vorhersehbar, ich kann mir nicht vorstellen, wie die Widerspruchsregelung mit dem Deutschen Grundgesetz zu vereinbaren ist.

Leider wird sich die Zahl der Organspender aber so oder so nicht wesentlich erhöhen, dazu später mehr.

De facto wird sich also jetzt nicht viel ändern. Alle 10 Jahre wird man nun bei der Erneuerung eines Ausweisdokumentes auf die Organspende hingewiesen und insgesamt soll die Diskussion in der Gesellschaft gefördert werden, z. B. dadurch, dass Hausärzte die Möglichkeiten ansprechen. Leider sind aber nicht alle Kollegen Befürworter einer Organspende und zudem haben immer wenige Menschen einen festen Hausarzt, zumindest nicht mehr in dem Umfang wie es früher mal war.

Die Idee eines zentrales Onlineregister ist sicher gut und es ist richtig, dass die Teilnahme freiwillig ist. Wie das Register implementiert werden wird, gilt es abzuwarten. Die einfache Handhabung ist maßgeblich für den Erfolg und es muss auch möglich sein, dass jeder seine Entscheidung einfach und schnell revidieren kann. Die Schweiz könnte hier als Vorbild dienen:

Swisstransplant: Nationales Organspenderegister der Schweiz

Angesichts der Tatsache, dass man schon länger in jeder Apotheke einen kostenlosen Spenderausweis bekommen kann, und es regelmäßig Werbung dazu gibt, sehe ich wenig Bedarf einer weiteren Aufklärung. Jedenfalls wird der heutige Beschluss nichts an der Situation der derzeit ca. 9000 Patienten ändern, die auf ein Spenderorgan warten.

Bis auf wenige Ausnahmen, bei denen ihr Glaube Patienten einen Organempfang verbietet, wird sich jeder Betroffene freuen, wenn ihm eine Organspende hilft. Umgekehrt ist es aber leider auch (zu) menschlich, dass man sich selbst ungern mit der Thematik zu Lebzeiten auseinandersetzt. Durch den Vorschlag von Herrn Spahn, wäre zumindest diese Diskussion angeregt worden, und das deutlich nachhaltiger als jetzt.

Auch wenn jetzt der Alternativbeschluss beschlossen wurde, sollte nun das Momentum in der Diskussion nicht erlöschen.

Seit Jahren verteidige ich die Auffassung, dass der derzeitige "Spendenpass" keine Wertschätzung zeigt. Es ist ein Stück Papier, das nach wenigen Wochen vergilbt, zerknittert und Zusatztexte (wie z. B. der Ausschluss bestimmter Organe) sind nach wenigen Monate unkenntlich. Das einzige valide Argument für einen papierenen Spendenpass ist, dass er auch einfach zu entsorgen ist. Ändert sich die Einstellung eines Patienten, ist die Papierform schnell und sicher zerstört - das wäre z. B. bei einer Plastikkarte umständlicher. Die Online-Registrierung ist aber sicher der beste Weg, wenn denn auch die jetzigen Organspender alle zum "Systemwechsel" animiert werden können.

Mehrere Optionen um zu bezeugen, wie man zur eigenen Organspende steht ist hingegen kontraproduktiv. Bei einer Online-Registrierung sollte die Möglichkeit eines regulären Ausweises nicht mehr gegeben sein, sonst kommt es unter  Umständen zu widersprüchlichen Konstellationen, die nur Zeit und damit im Zweifel Leben kosten.

Bleibt es beim Spenderausweis, sollte dieser im Scheckkarten-Format und aus Plastik gestaltet werden. Dazu müsste er keine vitalen Parameter enthalten, die den Prozess einer Spende unterstützten können. Ein solcher Ausweis wirkt einfach "professioneller" und wird die Akzeptanz erhöhen: Ein Spender sollte durchaus stolz sein dürfen auf seine Entscheidung (wie auch immer die aussehen mag, gut ist, dass er sich entschieden hat! Das ist mit einem Ausweis auf dem Niveau eines Einkaufs-Bons nicht gegeben und trägt sicher nicht dazu bei, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen: "Warum muss ich eine solche weittragende Entscheidung auf einem billigen Wisch dokumentieren?".

Kommen wir nun zum wesentlichen Punkt: In der Presse wird heute diskutiert, ob diese Maßnahmen die Zahl der Organspenden erhöhen werden oder nicht. Manche glauben sogar, dass wir nun vielleicht von einer Organspende-Ratio wie in Spanien (derzeit 48 Prozent) träumen können. Mitnichten!

Länder wie Großbritannien, die Schweiz, die Niederlanden, Spanien, Belgien und die USA dürfen nicht nur nach der Feststellung des Hirntods Organe entnehmen, sondern folgen dem Konzept des "Non heart-beating donor (NHBD)". In diesen Ländern legitimiert, de jure, nicht nur ein festgestellter Hirntod zur Organentnahme, sondern ein nachgewiesener 10-minütiger Herz- und Kreislaufstillstand reicht aus. Entsprechend höher ist somit die Anzahl an möglichen und reellen Organspender.

Ohne den Einbezug der "Non heart-beating-donors" wird es unmöglich sein, die Zahl der potenziellen Organspender signifikant zu erhöhen. Dies ist die Diskussion, die endlich geführt werden muss. Das Thema ist nicht trivial. Die Sicherheit bei der Beurteilung des Hirntodes ist in Deutschland vorbildlich. Das liegt auch daran, dass man wesentlich(!) mehr Zeit hat diese Diagnose durchzuführen.

Die Diskussion über NBHD wird aber nicht geführt, dabei ist sie notwendig um den zukünftig steigenden Bedarf an Organen zu decken. Dabei sollten die Prozesse der Länder, die schon ein NBHD-Konzept haben, durchaus kritisch hinterfragt werden. Nur weil es ein paar Länder umsetzen, heißt das noch nicht, dass das derzeitige "Wie" der Königsweg ist. Der Pool an möglichen Organspendern, die nachweislich an einem Hirntod versterben, wird den Bedarf an Organen allerdings auch in Zukunft voraussichtlich nicht abdecken. Nur das Einbinden des NHBD-Pools wird langfristig die hohe Nachfrage entschärfen können.

Dass diese Diskussion immer noch nicht geführt wird, sondern wieder unter den Tisch fällt, ist das eigentlich Traurige am heutigen Tag.

Update:

Ein Leser hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Organ-Spenderausweis bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kostenlos als Plastikkarte bestellt werden kann. Das ist richtig, allerdings nur als Blanko-Version (das ist dem Datenschutz geschuldet). Ob ein wasserfester Stift im Zweifel nach Jahren noch lesbar sein wird, sei mal dahin gestellt, Dokumentenecht ist er im Zweifel nicht. Da ist es einfacher sich seinen Ausweis aus Papier selber zu laminieren.

Es gibt auch Angebote im Internet, die einen ausgefüllten Plastikausweis erstellen, entweder für ein kleines Entgelt, oder nach Vorkasse der Versandgebühren. Dazu stelle ich keinen Link hier rein, da ich auf meiner Seite keine Werbung für clevere Geschäftsideen mache, die für diese Firmen sicher preiswerter sind als andere Formen der Werbung. Das Teilen mit solchen, höchstpersönlichen Informationen mit unbeteiligten Dritten aus der Privatwirtschaft ist der Sache sicher nicht förderlich.

Das Update ist aber insofern begründet, da mein Artikel nicht angesprochen hat, dass die jetzige Version in Papier (ob nun laminiert oder nicht), maximal ein Indiz für den letzten Willen des Patienten darstellt, zur Rechtssicherheit trägt er nichts bei.